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Home » Über wahlkabine.at » Literaturhinweise » Rosenberger, Seeber: Kopf an Kopf

Rosenberger, Seeber: Kopf an Kopf

Sieglinde Katharina Rosenberger, Gilg Seeber: Kopf an Kopf. Meinungsforschung im Medienwahlkampf. Mit einem Beitrag von Karin Liebhart und Martin Wassermair.

Kapitel VIII als pdf (~220kB)

wahlkabine.at – Eine Online-Wahlhilfe erweckt neues Interesse an Politik

Mehr Informationen zum Inhalt:


stat2.uibk.ac.at/Kopf.an.Kopf
Was ist in der Politik wirklich? Oder ist diese Frage gar nicht von Belang, weil doch Wirklichkeit das ist, was mit machtvoller Vehemenz als wirklich dargestellt wird?

Kopf an Kopf: CoverEin Beispiel für hergestellte, also konstruierte Wirklichkeiten ist die demoskopisch-mediale Rede über Politik in Wahlkampfzeiten.Die Deutung von Politik als Kopf an Kopf-Rennen, wie sie sich zunehmend bei Medien und in der Meinungsforschung größter Beliebtheit erfreut, ist ein besonders deutliches Beispiel für die Inszenierung von Wirklichkeit. Interessant in diesem Zusammenhang der Herstellung durch Interpretation sind dabei sowohl die direkten Effekte auf der Seite der Wählerinnen und der Wähler, die indirekten Konsequenzen im Hinblick auf Veränderungen in den politischen Strukturen und der Strategien der politischen Parteien, als auch die Prozesse und Akteure, wie und durch wen also diese Wirklichkeit hergestellt wird.

Umfragen spielen bei diesem Vorgang eine große, doppelte Rolle: sie erfragen mittels einfacher Methoden individuelle Meinungen und verdichten diese zur öffentlichen Meinung, die wiederum eine wesentliche Information bei der Bildung individueller Meinungen darstellt. Öffentliche Meinung wird also gleichermaßen erfragt und gemacht. Und auch die mediale Rahmung von Politik als Wettkampf, jene Vorstellung eines "Kopf an Kopf"-Rennens, basiert ebenfalls auf Umfragen – Umfragen, wie sie von den Medien zunehmend selbst in Auftrag gegeben werden, um sich mit ihnen einen gewissermaßen "sportiven" Aufmacher zu sichern.

Die mediale wie politische Rede war In Österreich zur Nationalratswahl am 24. November 2002 sportlich konnotiert, sie versprach Dynamik und Abwechslung und war deshalb recht unterhaltsam. Bewegung und Knappheit, Aktualität und Exklusivität waren zu jeder Phase des Wahlkampfes die mediale, demoskopisch legitimierten Botschaften. Das spannende Rennen fand schließlich nicht nur auf einer Rennbahn statt, sondern wurde gleich auf drei ausgetragen: zwischen Rot und Schwarz, zwischen Blau und Grün und schließlich zwischen Schwarz-Blau und Rot-Grün. Personen, Parteien und Lager wurden – je nach sportlicher Vorliebe der MeinungsforscherInnen und KommentatorInnen auf die Rennbahn, in den Boxring, auf das Feld geschickt.

Diese simplifizierte Deutung von Politik im Wahrnehmungsschema des Kopf an Kopf "versportlicht" demokratische Prozesse der Machtzuteilung und Machtlegitimation. Die Deuter der Politik als Sport haben durchwegs ökonomische Interessen: die Zeitungen/Zeitschriften, die ihre Seiten zu füllen haben; die Umfrageinstitute, die Politik als Marktforschung betrachten und ihre Auftritte als Public Relations verstehen.

Immerhin: Die Wählerinnen und Wähler interessierten sich wieder verstärkt für Politik, zumindest stoppten sie den Sinkflug der Wahlbeteiligung des letzten Jahrzehnts. Die als haarscharf dargestellten Wahlprognosen erwiesen sich, gemessen am tatsächlichen Wahlergebnis, aber als falsch. Das Ergebnis ist nicht knapp, es ist, jedenfalls was den ersten Platz betrifft, sogar recht eindeutig. Die MeinungsforscherInnen selbst zeigten sich am Tag danach höchst überrascht bzw. meinten, dieses Ergebnis wäre einfach nicht vorhersagbar gewesen. War dieses, nun als beispiellos dargestellte Ergebnis tatsächlich nicht vorhersehbar? Gab es vielleicht zwischen Meinungsforschung, Meinungsverkäufern und politischen Parteien ein gemeinsames Interesse am Kopf an Kopf-Rennen, welches wider besseres Wissen am Deutungsmuster bis zum Ziel festhalten ließ? Spricht nicht einiges dafür, dass es im Laufe des Wahlkampfes nicht allein um Information über ein öffentliches Meinungsklima, sondern um die Inszenierung eines spannungsgeladenen Wettkampfklimas ging?

Thema dieses Buches ist die Kommunikation über Politik, die von der Meinungsforschung initiiert und von Medien vermittelt wird. Unser Anliegen ist es, Prozesse der Versportlichung und der Mediatisierung der Politik zu reflektieren, konkret die diskursive Koalition, die die Akteure Meinungsforschung und Medien in Wahlkämpfen eingehen, zu beleuchten und Strategien der politischen Parteien, eine "umfragegerechte" Politik vorzulegen, zu benennen. Wie wird öffentliche Meinung demoskopisch gemacht, wenn sie erfragt wird? Wie wird sie medial inszeniert, wenn über sie informiert wird? Da Meinungsumfragen eine immer wichtigere Rolle bei Wahlen und somit bei der Machtzuteilung in liberalen Demokratien spielen, wollen wir mit diesem Buch auch ein Grundwissen über Funktionsweisen der veröffentlichten Meinungsforschung aufbereiten und einen Beitrag zu einem systematischeren Wissen leisten: Arbeitsweisen vorstellen, unterschiedliche Typen von Meinungsforschung benennen und immer wieder politische wie ökonomische Interessen und Motive der Umfragekonjunktur und des Kopf an Kopf-Journalismus identifizieren.

Wir wollen auch den Versuch eines transdisziplinären Brückenschlages zwischen Politikwissenschaft und Statistik unternehmen und fragen einerseits mittels welcher Argumentations- und Deutungsmuster und mit welchen Machtpotenzialen die Wahlkampf-Welt konstruiert wird und andererseits ob diese Welt "richtig" dargestellt wird. Wenn Meinungsforschung unter Berufung auf wissenschaftlich-statistische Methoden eine Wahlkampfwelt der Tatsachen suggeriert und entwirft, dann kann die so geschaffene Welt der Tatsachen selbst mit statistischen Methoden hinterfragt und – bisweilen – auch widerlegt werden. Im Falle der Wahlprognosen zur Nationalratswahl war die Wahrscheinlichkeit gering, dass es sich um ein Kopf an Kopf gehandelt hat – und doch haben alle Beteiligten an diesem Muster bis zum Schluss festgehalten!

Einen Kontrapunkt zur Inszenierung öffentlicher Meinung über die Summierung individueller Meinungen bildet die Online-Wahlhilfe, die in Österreich unter dem Namen Wahlkabine.at populär geworden ist. Karin Liebhart und Martin Wassermair stellen dieses Instrument als eine Möglichkeit der Informationsvermittlung sowie der Bewusstwerdung individueller Meinungen, die zudem das politische Interesse an Themen und Inhalten zu wecken vermag, vor. Diese Form der Befragung zielt nicht auf ein Ranking der SpitzenkandidatInnen und der Parteien ab, sondern will Entscheidungshilfe auf der Grundlage der Positionierung der politischen Parteien zu geben.

 

Wien, Czernin Verlag 2003
ISBN: 3-7076-0162-5

Erhältlich im guten Buchhandel oder direkt beim Verlag:
www.czernin-verlag.com
vertrieb@czernin-verlag.com
Telefon: +43 (1) 512 0132-0)